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Und singen können die jungen Philharmoniker auch noch PDF Drucken E-Mail
Junge Ems-Dollart Philharmonie reißt Besucher in der Lambertikirche von den Sitzen

- Ostfriesische Nachrichten, 01.09.2012 - Baumann

Acht Tage - nach so einem kurzen Trainingslager würde Jogi Löw sich mit seinen Mannen nicht in die Öffentlichkeit trauen. Die Junge Ems-Dollart Philharmonie hat es wieder einmal gewagt und sich nach acht Tagen gemeinsamer Proben in der Auricher Lambertikirche der Öffentlichkeit präsentiert. Sie war fit auf den Punkt und ist bestens gerüstet für weitere Konzerte in Assen und Meppen heute und morgen.
Zugegeben, es war kein ganzes Stadion voll, aber immerhin rund 200 Besucher waren da, um sich den Musikernachwuchs aus Norddeutschland und den Niederlanden anzuhören. Und anders als im Fußball gab es überhaupt kein Gegeneinander. 65 Streicher, Bläser, Pianisten, Hafenisten und Percussionisten im Alter von 14 bis 21 Jahren hatten den letzten Teil ihrer Ferien in den Dienst der Musik und dse Austausches gestellt. Sie bildeten nach den gemeinsamen Proben in Meppen und der miteinander verbrachten Freizeit eine eingeschworene Gemeinschaft, die im Leisen wie Lauten gleich gut hamonierte und in der jeder dem Orchesterkollegen erkennbar seine Erfolge gönnte.
Unter der Leitung von Johannes Leertouwer, Chefdirigent bei der Neuen Philharmonie Utrecht, und den wohlwollend strengen Blicken ihrer Dozenten, die zum Teil selbst mitspielten, zum Teil auf der Empore mitfieberten, begannen die jungen Philharmoniker mit Nils Wilhelm Gades "Nachklängen aus Ossian". Von der ersten Note an wurde der Beweis erbracht, dass bei den Register- und Tuttiproben Wert auf Feinheiten und Zusammenspiel gelegt worden war. Drei große Kesselpauken standen neben dem Altar. Doch mit welcher Sanftmut und Kontrolliertheit sie gespielt wurden! Präzision und Gefühl legten auch die Harfenistin, die Holzbläser und Hornisten an den Tag. Grandios.
Dann war Umbau angesagt. Bei Dvoraks Cellokonzert h-Noll rückten Björn Schwarze und sein Instrument ins Zentrum. Coll erklomm der junge Solist das Podium und füllte seine Rolle umgehend aus, entfaltete mit dem ersten Einsatz eine betörende Präsenz. Warm und klar waren die Töne, die seinem Cello entstiegen. Dvoraks Komposition stellte technisch hohe Ansprüche an den jungen Cellisten, die er scheinbar spielerisch bewältigte.Sie standen gar nicht im Fokus. Stattdessen fesselten die Zuhörer die tiefe innere Beziehung von Schwarze zum Stück und das leichtfüßige Zusammenspiel mit den Orchesterkollegen.
Mal schienen die Holzbläser ihn von hinten am Ärmel zu zupfen und mit sich zu ziehen, mal lockten die Hornisten die Ohren mit dem Nebenthema vom Zentrum fort, dann wieder woben die Streicher einen farbenstrahlenden Teppich, auf dem das gesamte Orchester fortzuschweben schien. Und die Percussionisten? Sie konnten an Pauke und Triangel endlich mal Dampf ablassen. Natürlich wieder kontrolliert.
Das Publikum schwebte mit davon. Niemand ließ sich davon abhalten, zwischen den Sätzen zu applaudieren. Warum auch? Der dritte Satz brachte den Höhepunkt. Das Cello füllte die Kirche komplett mit Wohlklang, das Orchester tat es ihm mit einem fulminanten Schluss nach. Schwarze blieb cool und spielte zwei Zugaben solistisch, darunter das katalanische "Cant dels Ocells" - der "Gesang der Vögel", nach dem Vorbild Pau Casals. Noch mal bewies Schwarze seine musikalische Reife. Ein leises Zwitschern - dann war Pause.
Igor Strawinskys "Feuervogel" nahm die Feder auf, zeigte sich jedoch weit kämpferischer. Hier durften alle Instrumentengruppen aus dem Vollen schöpfen. Die Blechbläser, Kontrabässe und Percussionisten nutzten diesen Augenblick und zelebrierten ihre Einsätze.
Am Ende bezwang das Orchesterden Zauberer aus der Geschichte in einer Gemeinschaftsleistung und wurde selbst zu einem Verzauberer. Das Publikum bedankte sich mit stehendem Applaus und Getrampel. Als Dank spielten die sichtlich gelösten Philharmoniker die "Morgenstimmung" aus Griegs Peer Gynt. Doch das reichte nicht, der Applaus war überwältigend. Es folgte "Abends will ich schlafen gehn" aus der Oper "Hänsel und Gretel" und - oh Wunder - die jungen Philharmoniker sind nicht nur hervorragende Instrumentalisten - singen können sie auch noch! Die Auricher stimmten in den Gesang ein und rangen um weitere Zugaben. Zugegeben: Die Konzertmeisterin zu entführen und damit die Bühne zu räumen, war ein kluger Kniff von Dirigent Leertouwer. Mit den Aurichern hätte er sicher acht Tage proben müssen, irgendwann den Beifall wieder zu beenden.
Nach Konzertschluss diskutierten stolze Eltern über Wettbewerbe und Ausscheidungsrunden. Doch die sind noch ein bisschen hin. Am Donnerstag ging es erfreulicherweise "nur" um Philharmonie und Freundschaft.